Vom Haben und vom Sein

In den 1920er Jahren lebte in Warschau ein Rabbi. Der Gelehrte war weit über die Grenzen seiner Stadt und seines Landes hinaus bekannt für sein Wissen und seine Weisheit. Diesem Ruf folgte ein junger Franzose aus Paris, der seinen Rat suchte. Mit dem Zug trat er die damals noch lange und beschwerliche Reise nach Warschau an.

Als er vor dem Wohngebäude des Rabbis stand, war er überrascht, denn er hatte einen standesgemässen Palast mit grossen Räumen, Bediensteten und Studenten erwartet. Als ihm der Gelehrte die Tür zu seiner Wohnung öffnete, war er schockiert: Er sah 2 Räume, 1 Bett, 1 Tisch, 3 Stühle, 2 Regale, 1 Schrank und ein paar Bücher. Das hatte er nicht erwartet.

Entsetzt fragte er: »Warum besitzen Sie so wenig?« Der Rabbi sah ihn an und erwiderte, er habe doch auch nur 2 Koffer. »Ja schon, aber ich bin doch nur auf der Durchreise.« Darauf sagte der Rabbi: »Ja, das bin ich auch.«


Bei dem täglichem Überlebenskampf gerät es oft aus unserem Bewusstsein: Wir sind auf einer Reise. Und es ist eine Durchreise, die wir antreten und beenden. Wir durchreisen unser einzigartiges und abenteuerliches Leben. Das Gepäck, das wir auf unserer Lebensreise dabei haben, soll diese Reise leichter machen und gelingen lassen. Unser Gepäck ist dafür da, dass wir unsere Lebensziele erreichen.

Es ist die Reise, die gemacht werden will. Das Gepäck unterstützt uns lediglich dabei. Nicht mehr, nicht weniger. Wir wollen Überleben: das ist neben der Fortpflanzung unser vitalster Antrieb als Säugetier und Hominide. Eine wichtige und extrem erfolgreiche Überlebensstrategie, die sich in zigtausend Generationen bestens bewährt hat, ist das Sammeln. So ist das Sammeln über Millionen Jahre zu einem Reflex geworden, der sich tief in unsere DNS eingebrannt hat. Wir Sammeln, sammeln, sammeln. Neuerdings bis zu Überfluss.

Diesen materiellen Überfluss gibt es in unseren Breitengraden erst seit ca. 2 bis 3 Generationen. Das ist aus evolutionärer Sicht betrachtet extrem neu und extrem massiv. Bisher haben wir noch keine Strategien gefunden, sinnvoll mit diesem Phänomen umzugehen. Die Ansammlung von materiellen Reichtümern ist in unseren Zeiten nur noch bedingt tauglich unser Glück zu steigern, unser Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen und Sinn in unserem Leben zu erfahren.

Trotzdem sammeln und horten wir aus schierer Gewohnheit und aus Mangel an Alternativen. Deswegen haben wir meist weit mehr Gepäck mit uns, als tatsächlich in Gebrauch ist.

Folgende Fragen müssen beantwortet sein, wenn ich die Entscheidung treffen will, was für Gepäck ich brauche:

  • Was ist denn mein Ziel im Leben, oder zumindest in diesem Lebensabschnitt?
  • Wo soll die Reise hingehen?

Wenn ich z.B. im Urlaub an die Riviera fahre, brauche ich eine andere Ausrüstung, als beim Outdoor-Trekking in Grönland oder beim Städtetrip nach New York. In diesem kleinen Rahmen leuchtet das jedem ein. Zum grossen Rahmen: auf unserer Lebensreise gibt es immer wieder Phasen, in denen wir uns neu orientieren. Wo wir Kurswechsel vornehmen. Das hängt mit zunehmenden Alter und Reife zusammen, mit wechselnden Umständen und Bedürfnissen, mit all den Veränderungen, die das Leben mit sich bringt.

Die Reiseroute unseres Lebens ändert sich, manchmal schleichend, manchmal radikal. Was auch immer passiert, wir brauchen geeignetes Gepäck und müssen es den Umständen anpassen. Ein Falle, in die wir auf unserer Lebensreise immer wieder tappen: Wir schleppen Reisegepäck mit, das wir längst nicht mehr brauchen. Dinge, die früher einen Wert hatten, heute aber
nicht mehr.

Unsere Wohnungen und Räume sind voll davon und in unserem Sammelrausch nehmen wir diese Fülle oft als Bereicherung wahr. Leider wird dabei oft verdrängt, dass viel Gepäck eben auch viel wiegt. Nicht nur rein physisch, sondern auch emotional und energetisch. Dieses Gewicht tragen wir mit uns herum und kostet Energie, ohne dass es uns wirklichen Nutzen brächte.

Und dann fragen wir uns, warum unser Radius mit zunehmenden Alter immer kleiner wird. Mit schwerem Gepäck werden wir schneller müde und unsere Aufmerksamkeit ist gebunden, mit etwas, das wir nicht brauchen. Diese Aufmerksamkeit kann sich nicht mehr frei bewegen. Sie bewegt sich nicht mehr dorthin, wo der Raum der Möglichkeiten sich öffnet, wo das Frische, das Neue auf uns wartet. Wir brauchen das so dringend um im Fluss zu sein und uns in unserer Lebendigkeit spüren zu können. Was wir brauchen ist Gepäck, das unseren Lebensumständen angemessen ist, das uns unterstützt und nicht belastet. Und da gilt es aufmerksam zu sein.

Folgende Qualitäten sind bei der Gepäckwahl auf Ihrer Lebensreise vorteilhaft:

  • Sie wissen, wo sie hinwollen.
  • Sie passen ihr Gepäck Ihrer Reise an. (Und nicht umgekehrt!)
  • Sie üben das Loslassen. Diese Investition lohnt sich.

Das Haben-Wollen und das Anhaften können Sie schon. Beim Loslassen konzentrieren Sie sich nicht auf den Verlust, sondern auf das, was dann in diesen freien Raum kommen mag. Sie sind dabei mutig und öffnen sich für neue Wege, die ihr Vertrauen auf nachhaltige Art und Weise nähren.

Jetzt wünsch ich Ihnen eine gute Reise, wo immer sie Sie hinführen mag.


Wie schaffe ich Raum, indem ich mich bewegen will? Diese Frage zieht sich durch mein Leben. 
Als Aufräumcoach achte ich darauf, dass Räume meine Stärke und meinen Wert spiegeln können.
Stagnation braucht Anerkennung und Bewusstheit.

Der Artikel wurde von Clemens Neuhauer geschrieben. Clemens wurde 1961 in Kempten/Allgäu geboren und ist studierter Architekt und seit 2008 Aufräumcoach. Seine Internetseite heißt: freiräumen.de

Vielen Dank für Deinen Beitrag, Clemens!